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Kalchreuth war bereits ein Naherholungsgebiet, als dieses Wort im allgemeinen Sprachgebrauch noch nahezu unbekannt war.
Dies ging sogar soweit, das bereits 1937 im bayerischen Lesebuch für Volksschulen ein Sonntagsausflug zur Kirschblüte rund um Kalchreuth beschrieben wurde.

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Das glückliche Examen

Siebenunddreißig Kandidaten
Sind nach Ansbach eingeladen;
Zeugnis sollen sie dort geben,
Was sie im Studentenleben
Wissenschaftlich einstudiert
Und in Fleisch und Blut geführt.

Sei's von Zezschwitz, Frank und Köhler
Sei's von Kübel oder Öhler;
Sei's von Leipzig, wo der Kahn is,
Sei's von Erlang` wo der Zahn is,
Alles nur den Endzweck hat:
"Sagen Sie, Herr Kandidat!" ?

Nun wird freilich sehr beklommen
Abschied von Erlang genommen.
Leb wohl, Utten-, Bubenreuth,
Leb wohl, Exkneip voller Freud,
Rösslein, Schleie, Helm und Strauß,
Stadt Paris und Kaffeehaus,
Siebenkäs und auch Holzberger,
Oh, kein Abschied wird mir ärger!
Lindner, Schuster, Friedrichei,
Billard, Kegeln ist vorbei,
Leb wohl Samtrock, Pfeif und Stock!
Ich logier im "Schwarzen Bock". ?

Und die Reis' wird angetreten,
Ansbachwärts löst man Biletten,
Über Sachsen, Wicklesgreuth
Ist der Weg ja gar nicht weit.
Mancher lässt im Bart sich schauen,
Weil das Kinn gar sehr verhauen;
Mancher lässt sich schön barbieren,
Weil er denkt, es kann passieren,
Daß der gute Eindruck weg,
Wenn der Schnurrbart gar zu keck,
Und spricht, als des Baders Pforten
Vor ihm sind geöffnet worden:
"Hier geh ich natürlich ein,
Nachmals werd ich geistlich sein". ?

Siebenunddreißig Fräcke flattern,
Siebenunddreißig Herzen tattern,
Siebenunddreißig G'sichter bleichen,
Siebenunddreißig Häupter neigen
Sich vor den Examinatoren
Und es tönt an ihre Ohren:
"Setzen Sie sich, meine Herren,
Was Sie wissen, hör'n wir gern!"
Und nun geht es an ein Prüfen,
Einen nach dem andern riefen
Jene Herren auf den Plan
Von dem Albrecht bis zum Zahn: ?

Was ist Kriegsdienst, Exerzieren,
Was Kaserne, Manövrieren,
Was ist die Mensur im Prater,
Was ist selbst der ärgste Kater
Gegen dieses Pfüfungsfeuer;
Ach die Angst wächst ungeheuer!
Sommer Schlier und Nägelsbach
Rufen tausend Schmerzen wach.
Ethik und Dogmatik, beide
Machen manches Herzeleide.
"Ach, das fiel mir gar nicht bei,
Daß das gar so wichtig sei. ?
Du fragst nach den Hugenotten,
Willst du etwa meiner spotten?
Damals war ich, fällt mir ein,
Vierzehn Tag in Gößweinstein!
Was die Bluthochzeit gewesen,
Ja, wo wäre das zu lesen?
Eine Kenntnis solcher Tat
Fordert ja den Doktorgrad!

Kirchenrecht, das muß ich sagen,
Darin bin ich schlecht beschlagen,
Denn es sagt mir jedermann,
Darauf käme es nicht an." ?
Und sie forschten weiter nach,
Sommer, Schlier und Nägelsbach.
Die Gesichter werden länger
Und die Mienen werden strenger,
Scherers Anlitz wird verdunkelt,
Brechersbauer schaurig munkelt,
Seine Frau - das Herz ihr schlug,
Betet aus dem Starkenbuch:
Und der Samstag ist gekommen
Und die Herren sind beklommen,
Als der erste der Herrn Räte
Das Ergebnis künden täte. ?

Und derselbe ohn' Verweilen
Nennt zuerst der Kirche Säulen,
Die, weil alles trefflich war,
Kommen in das Seminar.
Und dann werden die verlesen,
Die soweit ganz brav gewesen,
Und dann kommen die daran,
Die man auch noch brauchen kann.
Aber wehe! Acht der Namen
Immer nicht zum Vorschein kamen.
Endlich kommt es - - aber ach,
Sommer, Schlier und Nägelsbach
Haben sie zu leicht befunden. ?
Dieser Spruch schlägt tiefe Wunden,
Telegramme traurig fliegen,
Schwestern fast vor Schmerz sich biegen,
Väter toben, Mütter stöhnen,
Bräute müssen sich gewöhnen
An das Schrecklichste von allen,
Daß der Schatz ist durchgefallen.

Aber Bräute seid nicht dumm:
Oberkonsistorium!
Unserer Kirche höchster Gipfel
Faßt die Sinkenden beim Zipfel,
Rettet sechse noch geschwind,
Daß sie auch im Trocknen sind.
"Denkt doch", sagt es, "Männer ihr,
Nägelsbach, auch Sommer, Schlier,
Daß wir Kandidaten brauchen,
Wenn sie auch soviel nicht taugen,
Ob studiert, ob unstudiert,
Dennoch wird jetzt ordiniert. ?
Kann er nicht hebräisch lesen,
Kann er doch Kalchreuth verwesen
Mit fast achtzehnhundert Seelen,
Daran kann es gar nicht fehlen.
Und dazu wird er Lokal -
Schulinspektor allemal."

Die Moral von der Geschichte:
Fürchte das Examen nichte!
Geht es auch in Ansbach krumm,
Gibt es doch ein München drum,
Droben sitzt die holde Fee,
Die euch hilft aus Ach und Weh!

Der Autor dieses Gedichtes war Eduard Naegelsbach, geb. 1850 in Erlangen, ehemals Pfarrer in Mörlbach, ab 1890 in Fürth, ab 1909 Dekan in Hersbruck wo er 1916 verstarb.

Das Gedicht entstand 1884 in Mörlbach, und zwar auf Grund des Berichts eines im Examen zuerst Verunglückten, darnach aber Beglückten. Obwohl nur handschriftlich verbreitet, war es in der bayrischen Pfarrerswelt bald weithin bekannt. Es soll auch bis zu "der Kirche höchstem Gipfel" gedrungen sein, allwo es jedoch nicht sonderlich gut ankam.

Der im Gedicht erwähnte Examinator war der Vetter des Verfassers, Karl Wilhelm Naegelsbach, 1839 bis 1890.

Es ist Rudolf Vogel, ehemaligem Pfarrer in Kalchreuth, zu verdanken, dass ein Abdruck dieses Gedichtes im Pfarramt von Kalchreuth vorliegt. Er hat auch die Entstehung erkundet.

Kalchreuth wurde für Generationen von evangelischen Theologinnen und Theologen weit über die Grenzen Bayerns hinaus durch dieses Gedicht ein Begriff.

Später hat dann ein "Prüfer Loy" das Gedicht "Theologische Aufnahmeprüfung 1929" verfasst, in dem er die weiblichen Kandidatinnen aufs Korn nimmt, und in welchem wiederum Kalchreuth erwähnt wird.

Ausgabe: 19.09.2005
Theologische Aufnahmeprüfung 1929
Nicht so objektiv und kühl,
Nein, es wird ihm etwas schwül,
Blickt das Kirchenregiment
Auf das Weiberelement,
Das jetzt auch bei uns in Bayern
Will die Kirche mit erneuern.
Schwer macht ihm zu schaffen nun,
Plagt ihn sehr, läßt ihn nicht ruhn,
Bringt ihm Sorg und bittre Not
Dieses Damenangebot.
Doch fast niemand so recht, wohin,
Weiß mit solcher Theologin. ?
Kann sie zwar hebräisch lesen,
Nicht kann sie Kalchreuth verwesen.
Und zur rechten Pfarrersart
Hilft ihr nicht einmal ein "Barth".
Solche Pfarrersweiblichkeiten
Muß man unbedingt vermeiden!
Hätten doch derlei Tendenzen
Undenkbare Konsequenzen!
Wenn die Landeskirche trüge
Völlig feminine Züge!
Wenn als vierten Kreisdekan
Stellte eine Frau man an! ?
Wenn im neuen Dienstgebäude,
Das entsteht zu aller Freude,
Kriegte ein Büro am End
Gar ein Weib als Referent!
Weiß man nicht, daß manche Stadt
Präsentationsrecht hat?
Wie, wenn's käme gar einmal
Da zu einer "Damenwahl"? (..)
Da, in unsern höchsten Nöten
Müssen wir vor euch hintreten
Vielgeliebte Kandidaten,
Ihr müßt helfen, ihr müßt raten!
(...) ?

Könnt ihr euch jetzt nicht entschließen,
Die als Bräute zu erkiesen,
Für die wir trotz schönster Gaben
Keinerlei Verwendung haben?
Da wär' ihnen, uns und euch
Rasch geholfen allsogleich!
Macht ein End dem Weiberspuk,
Denkt an den "Gesamteindruck"...
(...)

Mancher kann' s von euch ertragen
Einst in seines Amtes Plagen,
Wenn auch in theologicis
Sie die bess're Hälfte ist. ?
Gar nicht ist nach unserm Sinn
Die studierte Pfarrerin,
Doch die Pfarrfrau, fromm und lieblich,
Klug und fein und landesüblich,
Ob gelehrt, ob ungelehrt,
Haben stets wir hoch verehrt!?
Drum so schickt uns bald, wir warten,
Euere Verlobungskarten,
Drauf die Namen prangen fein:
Dorn, Ultsch, Rösch und Hassenstein.

Der "Prüfer Loy" hatte bestimmt das Gedicht "Das glückliche Examen" von Eduard Naegelsbach gekannt, als er in diesem Gedicht die angehenden Theologinnen karikierte. Aber als er schrieb "Kann sie zwar hebräisch lesen, nicht kann sie Kalchreuth verwesen" hätte es besser heißen müssen "... nicht darf sie Kalchreuth verwesen".

INHALT
Von den öffentlichen und merkwürdigsten Gebäuden in der Pfarrgemeinde
Von den besonderen Merkwürdigkeiten und Örtlichkeiten Kalchreuths
Von verschiedenen anderen Verhältnissen und Zuständen der Kalchreuther
aus "Statistik Kalchreuth" im Jahre 1843 von Dr. Carl Gottlob Rehlen*
"Das glückliche Examen" Gedicht von Eduard Naegelsbach
"Theologische Aufnahmeprüfung 1929" Gedicht des Prüfers Loy

Dr. Gottlob Rehlen
* Der Pfarrer Dr. phil. Carl Gottlob Rehlen, geb. 9. Juli 1803 zu Nördlingen, gest. am 26. Juni 1857 zu Nürnberg wirkte von 1836 bis 1850 in Kalchreuth. Am 28. Juli 1841 heiratete er Marie Hedwig Jakobine Friederike Wilhelmine Volckamer von Kirchensittenbach. Er war stark politisch engagiert und demokratisch eingestellt. Durch seine Kritik an der Feudalherrschaft, bei der er auch die Hallersche Familie mit einbezog, war er nicht nur bei der Kirchenbehörde unbeliebt. Ohnedies scheint er sich mehr für die Politik als für die Theologie interessiert zu haben. 1848 reichte er ein Gesuch um Enthebung vom geistlichen Beruf und um Versetzung in den Staatsdienst ein. 1850 erfolgte nach einem weiteren Gesuch seine Entlassung.
Kalchreuth verdankt ihm sehr detaillierte aber auch sehr kritische Beschreibungen der Menschen, Verhältnisse und Örtlichkeiten und der Geschichte Kalchreuths.

Diese Seiten werden laufend ergänzt, schauen Sie mal wieder rein.

Ausgabe: 04.08.2006